Erste Einordnung der Geschehnisse rund um das Heimspiel gegen Hannover 96

Kachel

Die Fanhilfe Bochum wünscht zunächst allen verletzten Personen eine schnelle und vollständige Genesung. Um die Ereignisse rund um das Heimspiel gegen Hannover 96 aufarbeiten und einordnen zu können, sind wir auf die Mithilfe der Fans angewiesen. Solltet ihr vor, während oder nach dem Spiel Beobachtungen gemacht haben, bitten wir euch, ein Gedächtnisprotokoll anzufertigen und uns dieses per E-Mail an info@fanhilfe-bochum.de zu übermitteln.

Bereits jetzt möchten wir eine erste Einordnung der uns bekannten Vorfälle vornehmen:

Zum letzten Heimspiel der Saison 25/26 gastierte Hannover 96 im Ruhrstadion. Das sportliche Geschehen trat an diesem Tag aufgrund des Vorgehens der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) in den Hintergrund.

Geschehnisse im Bereich der Innenstadt

Nach unserem Kenntnisstand kam es am Vormittag im Innenstadtbereich zu einer körperlichen Auseinandersetzung zwischen Fans des VfL Bochum und Hannover 96. In diesem Zusammenhang wurde ein Bochumer Fan bis zum Abend in Gewahrsam genommen, während die beteiligten Hannoveraner Fans lediglich erkennungsdienstlich behandelt und anschließend entlassen wurden. Unabhängig von dieser Auseinandersetzung kam es auch zu einer weiteren Festnahme. Der Betroffene wurde über einen Zeitraum von ungefähr einer Stunde festgehalten, bis sodann entschieden wurde, dass er zwecks erkennungsdienstlicher Behandlung dem Polizeigewahrsam zugeführt werden müsste.

Zahlreiche Fans, die sich ebenfalls in der Innenstadt aufhielten und zu Fuß zum Ruhrstadion gelangen wollten, wurden bis etwa 12 Uhr festgehalten.

Präsenz der BFE im Bereich des Umlaufs

Am Stadion angekommen, bot sich ein ungewohntes Bild: Vermummte Kräfte der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) hatten sich nicht nur vor dem Stadion, sondern auch im Bereich des hinter der Ostkurve befindlichen Umlaufs positioniert – einem Bereich, der normalerweise nicht durch Polizeikräfte, sondern allein von (vereinseigenen) Ordnungskräften betreut wird.

Polizeieinsatz Vfl Bochum Hannover 96

An dieser Stelle muss aus unserer Sicht erwähnt werden, dass die Ostkurve sowie der Umlauf davor für viele Fans eine besondere Bedeutung hat: Dieser Raum wird als zentraler sozialer Raum, identitätsstiftender Ort und geschützter Bereich der eigenen Gruppe wahrgenommen.

Bereits vor Anpfiff kam es zur Festnahme einer mutmaßlich minderjährigen Person im Bereich der Ostkurve, die zur erkennungsdienstlichen Behandlung ins Polizeigewahrsam verbracht wurde. Gleichzeitig kommunizierte die BFE, dass umfangreiches Videomaterial zur Auseinandersetzung am Vormittag vorliege und weitere Festnahmen beabsichtigt seien.

Das Eindringen der BFE in den sensiblen Bereich des Umlaufs ist aus unserer Sicht unverhältnismäßig. Zum einen lagen offenbar bereits qualitativ hochwertige Videoaufnahmen vor, anhand derer tatverdächtige Personen hätten identifiziert und zu erforderlichen polizeilichen Maßnahmen – wie einer Vorladung oder erkennungsdienstlichen Behandlung – vorgeladen werden können. Zum anderen hätten mögliche Festnahmen in weniger sensiblen Bereichen erfolgen können, etwa in der Innenstadt oder auf dem Weg zum Stadion. Damit standen gleich geeignete, mildere Mittel, die den Eingriff in den sensiblen Kurvenbereich überflüssig gemacht hätten, zur Verfügung.

Auch nach Spielbeginn verblieb die BFE im Umlauf. Ob ein Eindringen in die Blöcke zur Durchführung weiterer Festnahmen geplant war, entzieht sich unserer Kenntnis. Im Bereich der Mundlöcher, die zu den Blöcken O und P führen, positionierten sich nach Spielbeginn Fans, teils vermummt, teils unvermummt, und äußerten ihren Unmut überwiegend verbal. Einzelne Fahnenstangen wurden aus der Menge in Richtung der BFE geworfen. Für diese Würfe gibt es selbstverständlich keinerlei Rechtfertigung – auch wenn das Vorgehen der Polizei von vielen als provokativ und eskalierend wahrgenommen wurde. Jedoch bleibt auch hier festzuhalten, dass es abgesehen von diesen Würfen zu keinen weiteren Eskalationen oder gar Gewaltanwendungen seitens der Fans kam, sondern vielmehr schien das Zusammenkommen in den Mundlöchern allein dem Schutz des eigenen Bereichs zu dienen.

Daraufhin öffnete der Ordnungsdienst die Tore zum Umlauf, und weitere BFE-Kräfte drangen in diesen Bereich vor. Die Einsatzkräfte stürmten die Treppe zu Block P hoch und schlugen teils wahllos in Richtung des Blocks. Dabei kam es unmittelbar zu körperlichen Eingriffen ohne vorherige Androhung. Auch unbeteiligte Personen im Umlauf waren betroffen. Das Vorgehen der BFE wirkte insgesamt unkoordiniert, wenig durchschaubar und nicht deeskalierend.

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Nachdem sich die BFE aus dem Umlauf zurückgezogen hatte, beruhigte sich die Lage umgehend. Während des Spiels kam es zu keinen weiteren sicherheitsrelevanten Vorfällen.

Nach Spielende

Nach Spielende kam es erwartungsgemäß zu einer engen Begleitung der Bochumer Fanszene durch Hundertschaft und BFE. Den uns vorliegenden Berichten zufolge verhielten sich die Fans insgesamt ruhig. Dennoch kam es nach bereits 50 Metern Fußweg zu einem erneuten Anlauf der BFE in die insgesamt friedliche Menge. Dabei wurden mindestens zwei Personen verletzt, eine davon musste in ein Krankenhaus gebracht werden. Zudem kam es zu zwei weiteren Festnahmen, wobei eine Festnahme nicht im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung im Innenstadtbereich stand. Vielmehr wurde dieser Person nach unserem Kenntnisstand anlasslos mit der Faust ins Gesicht geschlagen, dann jedoch wegen des Vorwurfs des tätlichen Angriff auf Vollstreckungsbeamte festgenommen.

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Im Anschluss wurde über das Fanprojekt Bochum in Richtung der Fanszene kommuniziert, dass seitens der Polizei beabsichtigt sei, es sämtlichen Anwesenden zu untersagen, sich am Abend im Bereich der Innenstadt aufzuhalten. In Richtung der Fans wurde ein etwaiges Aufenthaltsverbot seitens der Polizei jedoch zu keinem Zeitpunkt ordnungsgemäß eröffnet.

Kritik

Nach unserer Auffassung stellt insbesondere der Einsatz der BFE im Bereich des Umlaufs ein bislang beispielloses Vorgehen dar. Dass schwer ausgerüstete und vermummte Polizeikräfte in einen sensiblen und emotional aufgeladenen Bereich der Ostkurve eindringen und dort ohne erkennbare Deeskalationsstrategie agieren, ist aus unserer Sicht nicht hinnehmbar. Besonders schwer wiegt dabei, dass nach den uns vorliegenden Informationen auch zahlreiche unbeteiligte Fans von den Maßnahmen betroffen waren.

Der Einsatz wirft grundlegende Fragen nach Verhältnismäßigkeit, Kommunikation und Einsatzstrategie der Polizei auf. Wenn friedliche und unbeteiligte Stadionbesucher durch ein offenkundig überzogenes Vorgehen gefährdet oder verletzt werden, darf dies nicht relativiert oder als „Begleiterscheinung“ eines Fußballspiels hingenommen werden. Gerade von der Polizei erwarten wir in solchen Situationen ein besonnenes, kontrolliertes und deeskalierendes Handeln.

Der Fanhilfe Bochum liegen bereits jetzt zahlreiche Gedächtnisprotokolle sowie Aussagen von neutralen Personen und Zeugen vor, die ein aus unserer Sicht unverhältnismäßiges, grenzüberschreitendes und eskalierendes Verhalten der eingesetzten Polizeikräfte schildern. Die Vielzahl übereinstimmender Schilderungen zeichnet dabei ein äußerst besorgniserregendes Bild des Einsatzgeschehens. Eine Wiederholung dieser Eskalation darf nicht stattfinden. Wir fordern daher eine sachliche, objektive und lösungsorientierte Aufarbeitung der Ereignisse unter Einbeziehung aller Perspektiven – und nicht allein auf Grundlage polizeilicher Darstellungen.

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